Sonntagabendgedanken

Sonntagabendgedanken

Sonntag, 17:30 Uhr. Anderthalb Badewannen-Füllungen Wasser, drei verschiedene Kein-Ziepen-keine-Tränen-plus-Spülung-Shampoos, maximal beschlagene Spiegel, Tröpfchenbildung auf allen Oberflächen und eine Luftfeuchtigkeit wie am Amazonasbecken später. Zwei geduscht, eins gebadet. Die Kinder duften wie frischer Erdbeerkuchen. Natürlich hat es dennoch geziept. Und Tränen gab es auch. Spätestens, wenn das Wasser Richtung Abfluss kreiselt und die Rasselbande merkt, dass es auch am Amazonas kalt ist, wenn man das Wasser verlässt. Um feuchte Fußabdrücke Tango tanzend das eine Kind anziehen, dem anderen den Schlafanzug zuwerfen. Das dritte ist für Selbstständigkeit zu klein, steht in gestreiftem Ganzkörper-Handtuch inkl. Kapuze schlicht abwartend im Auge des Sturms. Schmeißt dann im Moment einer einsekündigen Abwesenheit aller anwesenden Augenpaare noch schnell die elterlichen Jogginghosen in die letzte Pfütze der Badewanne. Schnell mit dem Fön auf Stufe „volles Rohr“ den Spiegel wieder zum Spiegeln gebracht, um mit gleichem Windgebläse faszinierend schräge Sturmfrisuren zu produzieren. Nasse Handtücher auf- und einzelne Socken eingesammelt. Fenster auf. Nun ist endlich Feierabend! Haha. Abend ja, Feier nein. Abendessen und im Vorfeld Zubereitung desselbigen steht an. Während der Waschparade im Badezimmer ist das schier unmöglich. Außerdem hatte ich weder Pfeil und Bogen noch eine Hängematte mit, um uns einen Affen zu schießen. Das macht man als brasilianischer Jäger im Amazonas so. Habe aber auch gelesen, dass sie dort tatsächlich ohne Kaffee zur Jagd aufbrechen – ist also definitiv nichts für mich. Es wird dann eben die ganz normale, ultra-konventionelle, beinahe schon traditionelle, global anerkannte Form des Abendessens. Genau. McDonalds. Unglaublich – während ich das schreibe, höre ich als Hintergrundrauschen das Getrommel aller esoterischen Bio-Mütter, die gegen die Fertigpizza-Mafia mobil machen. Ihr wisst schon, diese Kinder-Kriegerinnen, die ihre Schlachten sogar an so tollen Orten wie Spielplätzen ausfechten. Ob die wohl Affen schießen können? Solange man nicht in einem wöchentlichen oder lebensverkürzend täglichem Fastfood-Rhythmus gefangen ist, geht das aus meiner Sicht vollkommen in Ordnung. Mittlerweile ist es kurz nach 19 Uhr. Unsere kleine Unterzweijährige hängt mit einem Bein verschmitzt grinsend auf der Couch, wohlwissend, dass jetzt Schlafen und nicht Toben angesagt ist. Da Schlaf und vor allem Schlafengehen aber einfach blöd ist, wehrt sie sich in den mütterlichen Fangarmen zumindest für eine halbe Minute nicht nur sprichwörtlich mit Händen und Füßen. Ein Handkuss in Verbindung mit Gewinke in die Runde und Mummybär ist mit der kleinsten Erbin auf dem Weg zur neuen Windel – nächster Halt Traumland. Währenddessen wird die Futterstelle unter minimalem Einsatz an Kinderarbeit abgeräumt und jegliches Esswerkzeug dem Angestellten übergeben, der auf Programm Nr. 2 das ganze Geschirrchaos binnen 02:58 Stunden säubert und trocknet. Feier rückt näher! Der Fußboden des Wohnzimmers sieht aus wie ein umgekipptes Regal bei Toys are us. Das Puzzle wird gepuzzelt, die Bücher werden zugeklappt, die Bauklötze verstaut und das alles mit musikalischer Begleitung der Schildkröte, die quälend lange 30 Sekunden fidelt und dudelt sobald man ihrem Panzer auch nur einen Deut zu nahe kommt. Geschafft. Das quietschbunte Indianer-Tipi dient nun als nächtlicher Aufbewahrungsort der meist fernöstlich produzierten Spielzeugköstlichkeiten. An dieser Stelle höre ich schon wieder die Trommeln, ihr auch? Tja, was soll man auch als olle Holzeisenbahn gegen das schrille Regenbogen-Kunststoff-Ungetüm aus diesem fernen Land unternehmen. Etwa eine Allianz mit dem Holz-Schaukelpferd bilden, das so alt ist, dass die Mähne blättert und die Augen schon trüb geworden sind? Apropos alt und trüb. Es ist nun 19:58 Uhr. Der moderne Erwachsene, der sich schon seit mehreren Stunden die sonntägliche Dosis Couch und Netflix herbeisehnt, dirigiert die beiden letzten, meist noch vor Energie strotzenden Kiddies Richtung Treppe. Die Einrichtung, die als letztes Hindernis neben Elmex Kinderzahnpasta und liebevollen letzten Gute-Nacht-Worten zwischen Sofa und Serienabo steht. CD-Player leise, Nachtlicht gedimmt, Tür angelehnt. F. Wie Feierabend! Reckt die Faust in die Höhe, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Feiert euch! Wäre da nicht im fiesen, schier unsichtbaren Halbdunkel der Wäschekorb, der einzig und allein darauf gewartet hat, dass ihr ihn trotz Zehenspitzen-Modus einen viel zu lauten Ein-Meter-Fünfzig über den Flurboden kratzen lasst. Jetzt bloß nicht bewegen! Augen schließen! Eins öffnen. Hören. Schnell, aber leise atmen. Das andere Auge öffnen. Nochmal hören. Wieder langsamer atmen. Über den Korb steigen. Nach unten schleichen. Es ist vollbracht! Vermutlich ist es nun irgendwas zwischen 20:20 und 21:00 Uhr. Während der müde Körper sich still und heimlich einen dritten Tag Wochenende wünscht, fokussiert euch beim Niederlassen immer auf das Wichtigste: Familie ist toll. Familie ist alles. Ohne Familie ist alles nichts. Dann, liebe Eltern, ist 21:15 Uhr. Zeit, um genau an der besten Stelle der neuen Netflix-Serie einzuschlafen. Ein ganz normaler Sonntagabend also.

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David

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