Guten Morgen, liebe Sorgen

Guten Morgen, liebe Sorgen

Der Smartphone-Wecker springt an und sendet mir mit seinem sanften Geklingele die unmissverständliche Botschaft, dass ein neuer Tag anbricht.

Hachja, wie schön.

Dieses „anbricht“ hat jedoch von seinem Wort-Gefühl rein gar nichts mit ähnlichen Wörtern gemein, die tatsächlich Glücksgefühle transportieren. Wie z.B. angrillen, anbandeln, anlachen oder Ananas. Letzteres zumindest dann, wenn es unter indisches Curryhuhn gemischt oder auf einer hawaiianischen Pizza zu finden ist. Und wer bitte freut sich nicht darauf, nach einem langen Winter zum ersten Mal wieder entspannt zu grillen? Angrillen eben. Dass ein neuer Tag anbricht bedeutet manchmal nichts anderes, als dass einen der neue Tag schon ankotzt. Ich bin mir sicher, ihr kennt das.

Um diesen Beitrag jedoch positiv zu starten, fange ich einfach nochmal an:

Der Smartphone-Wecker springt an und sendet mir mit seinem sanften Geklingele die unmissverständliche Botschaft, dass ein neuer Tag angrillt.

Viel besser! Vielleicht hilft es ja, morgens eher an das Angrillen als das Anbrechen zu denken.

Als Ehemann, Vater von drei Kindern und bezahlter Mitstreiter in einem Büro-Hamsterrad, mache ich mir schon morgens eine Menge Sorgen und Gedanken. Wobei die Intensität recht ungleichmäßig und nicht immer vorhersehbar ist. Mal ist der Sorgenberg aus der Kategorie Mount Everest, mal eher aus der Kategorie Weichspüler. Auffällig ist jedoch, dass ich mich tendenziell eher auf der ungesunden, orange bis hellrot eingefärbten Gefahrenskala befinde. So wie der umstrittene Atomreaktor an der deutsch-belgischen Grenze. Mein Beton ist zwar nicht marode und ich habe auch keine haarfeinen Risse im Druckbehälter, dennoch bin ich derzeit stundenweise kurz vorm Platzen. Belgien will das Atomkraftwerk bis 2025 abschalten und damit das Problem lösen. Für mich ist das so nicht umsetzbar, da ich gerne auch 2026 noch erleben möchte. Außerdem werde ich 2025 runde 40 und freue mich als Februar-Winterkind jetzt schon auf ein deutlich vorgezogenes Angrillen mit meinen Lieblingsmenschen.

Wo war ich? Achja. Schönen guten Morgen, meine lieben Sorgen.

Schon kurz nach dem Aufstehen, während der Vollautomat vollautomatisch voll tollen Kaffee in die Tasse laufen lässt, geht das Gedankenkarussell los. Einziger Unterschied ist, dass in meinem Fahrgeschäft kein Polizei- oder Feuerwehrauto fährt und weit und breit auch sonst kein schnittiges Kindergefährt zu sehen ist. Bei mir fahren die monströsen Büro-Exceltabellen, die anstehende Matheklausur meiner Tochter, die Taekwondo-Prüfung meines Sohnes oder allgemein der Kindergartentag der Allerkleinsten im Kreis. Manchmal ist es auch einfach nur die Zahl zwischen 3 und 12, die hochgestellt an der Kalender-App freundlicherweise anzeigt, wie viele Termine und/oder Erinnerungen heute anstehen. Es ist definitiv gewiss, dass morgens nicht immer dasselbe Murmeltier grüßt. Abwechslungsreich sind sie, diese Sorgen. Immerhin. Karussells sollten aber doch Herzen und nicht das Stresslevel höher schlagen lassen. Der erste Schluck Kaffee bedeutet dann zumindest kurzzeitig (auch gedankliche) Entspannung. Genau wie die knapp 10 Minuten am iPad, die ich täglich gegen 05:15 Uhr nutze, um im Flipboard* durch meine Lieblingschannel zu flippen.

Die anschließende Dusche, die immer kürzer ausfällt seitdem wir nicht mehr kinderlos sind, weckt den Rest von mir, der immer noch leicht döst. Ich muss an dieser Stelle übrigens zugeben, dass meine Frau deutlich schneller duscht als ich. Quasi unfassbar schnell. Unerreichbar schnell! Ich habe dafür weder eine physikalische noch eine andere naturwissenschaftliche Erklärung. Außer vielleicht, dass ich einfach gerne dusche. Trotz des Schaums in einem Auge, sehe ich durch das Milchglas der Duschtür sehr oft einen dunklen Schatten vorbeihuschen. Mittlerweile weiß ich, dass es sich dabei mehr um ein acht bis zehnjähriges Kind als einen unglaublich kleinen Einbrecher handelt. Nummer 1 von 3 ist also wach. Ich verlasse abtrocknend die Dusche. Der große Zeiger der Uhr hat noch nicht die 6 erreicht. Nun schnell fertigmachen. Hemd zu. Parfüm drauf. Zeiger ist auf der 6. Zeit, Nummer 2 von 3 zu wecken.

Seit aus der Neun- die Zehnjährige geworden ist, sucht sie sich selbstbewusst morgens eigenständig die Klamotten heraus. Bis auf ein paar wilde Farbkombinationen, die stark an die 70er erinnern, klappt das tatsächlich bemerkenswert gut. Im Kontrast dazu steht die Auswahlfreude des Sohnes, der am liebsten fünf Tage die Woche von Kopf bis Fuß im Tarnmuster zur Schule gehen möchte. Hier ist also allmorgendlich die elterliche Auswahl vonnöten. Während sich die beiden dann von ihrem Schlafanzug trennen, werden die Träume der Nacht aufgearbeitet. Sind die Träume zu stark verblasst, tritt an deren Stelle eine frühmorgendliche Fragerunde, die es in sich hat. Hier müssen super einfache Allerweltsfragen wie „Kann unsere Katze eigentlich deutsch?“, „Wartet der Strom immer hinter der Steckdose?“ oder „Warum hat Mama eigentlich ihren Penis verloren?“ beantwortet werden. Puh. Obwohl ich mich als schlagfertig und wortgewandt bezeichnen würde, löse ich die Situation meist mit dem Hinweis auf, dass wir spät dran sind und nun der Anzieh-Turbo eingelegt werden muss. Klappt jedes Mal.

Unzählige Male habe ich es mittlerweile erlebt, dass der Sohnemann bis auf eine Socke und das Unterhemd splitterfasernackt im Zimmer steht und mit dem Star Wars-Schwert einen für mich unsichtbaren Gegner bekämpft. Oder das Tochtertier mit geschlossenen Augen und das Schienbein kratzend an der Bettkante sitzt. Wohlgemerkt genau wie vor acht Minuten, als ich das erste Mal nach ihr gesehen habe. Es wird nun jedoch mal Zeit, beide zu loben. Diese Situationen und alle Abwandlungen davon sind zwischenzeitlich wirklich rar gesät. Bis auf wenige Ausreißer, ist das allmorgendliche Fertigmach-Ritual echt recht unproblematisch. Liegt teilweise auch daran, dass die beiden Großen beispielsweise absichtlich nur wenig gleichzeitige Berührung im Badezimmer haben. Keine Lust auf eine Zahnpasta- oder Handtuch-Schlacht. Eltern von zwei Kindern wissen definitiv, was ich meine. Und es liegt sicherlich auch daran, dass ich morgens schon 12mal Treppensteigen auf dem Fitnesstracker angezeigt bekomme, weil ich immer wieder oben schaue, ob kein Feuer ausgebrochen ist.

Der Zeiger wandert auf halb zu, wenn beide unten ankommen. Der zweischlitzige Toaster wird einschlitzig belegt, was mich als Monk wirklich belastet. Die Küche kühlt zwischenzeitlich auf 17,9 Grad Celsius herunter, da die Allergrößte die Kühlschranktür offen stehen lässt, weil die WhatsApp-Nachrichten der vergangenen Nacht wichtiger sind als der auszuwählende Toastbelag. In einer Geschwindigkeit, auf die jede Zeitlupe neidisch wäre, wird anschließend geschmiert, gegessen und das dreckige Geschirr in den Waschautomaten geräumt. Andere haben in gleicher Zeit Rom erbaut. Meine Zeitansagen zwischendurch, die immer wieder angeben wann wir los müssen, helfen trotz bereits einkalkulierter Not-Minuten am Ende nur wenig. Während die Ägypter den letzten Stein auf die Pyramide hiefen, haben unsere Kinder es in gleichem Zeitrahmen geschafft, jeweils ein Paar Schuhe über die Füße zu streifen. Genau so lange, wie das Konservierungsmittel der einstigen Pharaonen nun anhält, dauert dann nochmal das Binden derselbigen. Alles in gefühlter Zeit beschrieben, versteht sich. Und wir sind gerade mal bei den Schuhen. Je nach Jahreszeit und der davon abhängigen Anzahl an Kleidungsstücken, kann das schon mal mehrere Nervenstränge kosten. Drei Katzenleben und siebzehn graue Haare später kann es dann endlich losgehen.

Nach dem obligatorischen Streit, wer vorne sitzen darf, schließen sich endlich die Autotüren. Zum ersten Mal kehrt an einem normalen Morgen in dieser Sekunde wieder Ruhe ein. Mittlerweile genießen es nämlich auch die Kids, dass ich das wilde Chart-Gedudel der lokalen Radiostationen grundsätzlich nicht einschalte. Tatsächlich nutzen wir diese Zeit immer dafür, über viele bunte Dinge aus allerlei farbenfrohen Themengebieten zu reden. Ich erkläre zum Beispiel ausführlich, warum die Katze auf jeden Fall deutsch spricht, der Strom überhaupt gar keine Lust hat zu warten und kindgerecht, naja, warum ich einfach froh bin, dass Mama tatsächlich ihren Penis verloren hat.

Zweimal das Geräusch einer sich schließenden Autotür später, begebe ich mich allein auf die ca. 18km lange Fahrt ins Büro. Je größer das Chaos morgens war, desto mehr nervt mich der LKW, der mit 59 km/h auf der Landstraße vor mir her fährt. Eigentlich total Banane, innerlich so wütend zu sein, dass ich dadurch zwei Minuten später am Schreibtisch ankommen werde. Deswegen versuche ich momentan einfach mal während der Autofahrt durchzuatmen. Denn – das war nur der Morgen. Zumindest eine Variante von vielen, denn kein Morgen ist immer 100%ig gleich. Der Tag hat darüber hinaus noch viele, viele Stunden übrig. Davon erzähle ich euch gerne ein anderes Mal. Für den Moment ist einfach wichtig: Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen. Denkt mal drüber nach.

* Flipboard:

Flipboard ist eine soziale Nachrichten-App für Android, iOS, Windows Phone und Windows. Zudem gibt es eine Website. Sie sammelt Inhalte von Sozialen Medien und anderen Websites, die eine Partnerschaft mit Flipboard eingegangen sind, und präsentiert diese Inhalte in Form eines Magazins. Empfehlenswert!

David

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