Das Füllfederhalter-Problem (Teil 1)

Das Füllfederhalter-Problem (Teil 1)

Vorab und in eigener Sache:

Mit diesem Beitrag möchte ich ein Thema anschneiden, das mir wirklich am Herzen liegt. Euch mag sicherlich schon aufgefallen sein, dass ich nicht immer gezielt einem roten Faden folge. Warum sollte ich das auch tun? Was ich zu sagen habe, schreibe ich einfach. Wenn ich beispielsweise in diesem Beitrag ein Rezept für Spritzgebäck mitteilen will, dann tue ich das auch. Das mache ich sogar, obwohl der Titel vermuten lässt, dass es sich gegebenenfalls um das Thema Schule drehen wird. Außerdem finde ich die Vorstellung total bescheuert, einem echten roten Baumwollfaden irgendwohin zu folgen. Und obwohl es hier tatsächlich um Schule gehen wird, werde ich auch die optimale Satzlänge außer Acht lassen, die mir empfiehlt, nicht mehr als 15 Wörter in einen Satz zu packen, um neben dessen Verständlichkeit nicht auch noch dessen flüssige Lesbarkeit zu gefährden, da es erwiesen ist, dass es ab einer gewissen Satzlänge total egal ist, wie dieser Satz schlussendlich endet Leberwurstbrot. Die meisten realisieren das gar nicht. Ich liebe die deutsche Sprache.

Mich kurz fassen kann ich. Nur halt nicht so gut.

So.

Hefte raus! Meine Gedanken zum Thema Schule.

Part one – here we go:

Meine größte Tochter startete die diesjährigen Sommerferien etwas zwiegespalten. Auf der einen Seite lachend, da das letzte Grundschuljahr endlich erfolgreich abgeschlossen und damit vorbei war. Da war dann auch die riesige Vorfreude, dass die neue Tür nun immer näherkam, auf der in großen Lettern „Klasse 5 – Gymnasium“ oder einfach „Ein neues Abenteuer“ stand. Auf der anderen Seite dachte sie aber auch schon an die alte Tür, hinter der sie viele Schulfreunde und viele tolle Erlebnisse zurücklassen musste. „C’est la vie, wie die alten Griechen richtig festgestellt haben“, sagte ich zu ihr und gab damit offen preis, warum ich es nie auf ein Gymnasium geschafft habe. In der Hoffnung, sie aufzumuntern, malte ich ihr ein positives Zukunftsbild mit vielen bunten Farben. „Danke, Paps“, strahlte sie mir entgegen, zog ihre Taucherbrille wieder auf die Augen und sprang mit einem Satz in die knapp 4.000 Liter Wasser, die ich tags zuvor im Garten wegen der Höllentemperaturen aufgestellt hatte. Zurück blieb nur mein Kopf, der Eistee und ich, die gemeinsam darüber philosophierten, welche Herausforderungen auf dem Gymnasium wohl wirklich warteten.

Abgesehen von Pool und Eiscreme, standen im Sommer auch Pflichttermine im Zusammenhang mit der neuen Schule auf dem Plan. Ein „Gymnasium-get-together“ mit Musik, Spiel und Tanz war angesetzt worden. Wieder so ein altgriechischer Begriff. Für meine Familie, die Fremdsprachen nicht so beherrscht wie ich, übersetzte ich ihn pflichtbewusst mit „Kennenlern-Nachmittag“ im Kalendereintrag. Aus meiner Sicht hätte es durchaus weniger Spiel und Tanz, dafür mehr Alkohol und Grill sein dürfen. Die Einladung wies jedoch mit keiner Silbe auf das Vorhandensein von gebrauten Getränken und/oder Bratwurst vom Rost hin. Schade.

Wie schon seit Beginn der Zeitrechnung, und so an allen Schulen diesseits der Milchstraße praktiziert, startete auch diese Veranstaltung in der Aula der Lehranstalt. Leer war es nicht, sondern gewissermaßen proppenvoll (was aus meiner Sicht übrigens ein wunderbares Adjektiv ist, um volle Aulen zu beschreiben). Eine Aula reichte beinahe nicht aus, zwei Aulen wären besser gewesen. Während ich also googlend dort herumstand und herauszufinden versuchte, ob es wieder ein Grieche war, der den Plural von Aula erfunden hat, war ich mir sicher: Nochmal Schüler sein? Nä!

Die anwesenden Häuptlinge starteten mit einem Gruß der Schulleitung. Das ist in etwa so wie im Restaurant der Gruß aus der Küche. Es schmeckt zwar meist sehr gut, man freut sich, aber wirklich gebraucht hätte man das nicht. Auch die Allerkleinste, die zu diesem Zeitpunkt noch tapfer bei Wasser und Keks im Kinderwagen ausharrte, guckte eher sparsam. Vielleicht lag das aber auch daran, dass ihr Ausblick aufgrund ihrer Sitzhöhe und des überfüllten Raumes einzig aus Hinterteilen in allen Größen und Formen bestand. Auf Dauer wird das sicher langweilig. Der Sohnemann, der pflichtbewusst seiner großen, bald-Gymnasium-Schwester beistehen wollte, lümmelte an meiner rechten Körperhälfte herum. Ein Auge auf Pause und das andere bei den Waffeln in der Cafeteria. Meine Frau versuchte mit allerlei Gegenständen einen konstanten Windstrom aus der Tropenluft zu erzeugen, die sich im Raum angesammelt hatte. Denn während des Spektakels gab der sehr heiße Sommertag alles, um die Körperwärme nach oben zu drücken. Die Temperatur hatte nämlich keine Lust, vor der Aula-Tür zu bleiben, daher kroch sie klammheimlich zu der Elternschar hinein. Klamm wurde dadurch so manches Kleid und Hemd.

Einzig das größte Tochtertier bekam von der Hitze nichts mit, war da doch ihre greifbare Nervosität und die gewisse Portion Aufregung im Vordergrund. So war sie das Familienmitglied, das im Widerspruch zu den vorherrschenden Raumtemperaturen stetig versuchte, das Eis zu brechen. Ein Prozess, der begleitet von „ich drehe mich 743mal zu meiner Familie um und gucke, ob sie noch da sind“-Blicken begleitet war. Ob sie das Eis letzten Endes gebrochen hat oder es einfach geschmolzen ist, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei herausfinden. In jedem Fall gelang es ihr und sie lächelte ihr (Erfolgs-)Lächeln. Immer ein gutes Zeichen. Für uns war schlussendlich der Schulchor sehr Willkommen, der mit dem ein oder anderen schiefen Ton für den ein oder anderen kalten Schauer sorgte. Hätte ich an jenem Tag gewusst, was ich heute weiß, wäre das schiefe Notenfeuerwerk auf einen Schlag erklärt gewesen. Am Gymnasium meiner Tochter kann man sich nämlich entscheiden, ob man in der Musikstunde laut Lehrplan ein Musikinstrument lernen, klassischen Musik-Frontalunterricht haben oder eben im Schulchor singen will! Für mich klingt das nach natürlicher Selektion zu Ungunsten des Chors, der ja faktisch neben elendigen Musikmuffeln und Anti-Mozarts nur aus der faulen Essenz der Schülerschaft bestehen kann. So zumindest meine Theorie. Ich wäre damals definitiv Chor-Mitglied gewesen.

Der restliche Schul-Tag verlief unglaublich unspektakulär. Beinahe schon langweilig. Es gab keine lustigen Versprecher in der nachfolgenden Präsentation diverser Schul-Highlights. Niemand stolperte. Tatsächlich stellte auch niemand den beiden Klassenlehrerinnen, die zum Ende hin in den Klassenraum einluden, irgendeine selten dämliche Frage. Sogar die anwesenden Schüler der Oberstufe, die zum Cafeteria-Dienst mitten im Sommer verdonnert wurden, waren vernünftig angezogen und grüßten freundlich. Mir wurde schlagartig klar: Wir sind aufgestiegen. Wir sind hier auf einem Gymnasium. Hier weht ein intellektuellerer Wind.

Intellektuellererer. Das liest sich so mies wie es klingt.

Verdammt! Ich würde vor allem solch sinnbefreite Zwischenfragen wie die einer (ehrlich gesagt recht ungepflegt aussehenden) Mutter in der Grundschule vermissen, die wissen möchte, wo das Schulobst gewaschen wird. Dieselbe Mutter vermisse ich, die Puls bekam, als die sichtlich verwirrte Lehrerin mit „Ähm … unter dem Wasserhahn der Schulküchen-Spüle?!“ offensichtlich nicht die Top-Antwort erwischt hatte. Woher sollte diese junge Lehrerin auch wissen, dass es eine national geltende Richtlinie gibt, die es verbietet, Schulobst auf metallischem Untergrund zu waschen. Gut, dass Obst-Super-Mum seinerzeit alle Anwesenden aufgeklärt hat. Hach. Das waren noch ungebildete Zeiten.

Mittlerweile sind die ersten Monate auf dem Gymnasium geschafft. Der erste Elternabend ist absolviert. Noch immer ist niemand gestolpert. Fragen mit einer glatten 10 auf der Idioten-Skala gab es auch keine. Trötenlangweilig, quasi. Muss ich mich tatsächlich schon vom Gymnasium abwenden? Natürlich könnte ich mich an dieser Stelle wiederum meinem Sohn und der Grundschule zuwenden. Jener glückselige Ort, wo man heutzutage die Straßenschuhe auszieht, um in Pantoffeln zu lernen. Der Ort, wo Singen und Klatschen regiert. Genau dieser Ort, wo sich an Elternabenden die Helikopter-Eltern die Klinke in die Hand geben, nachdem man zuvor knappe zwei Stunden auf viel zu kleinen Stühlen zubringen musste. Wo man doof angeschaut wird, wenn man „Aschenbecher-Töpfern“ als Bastelaktion vorschlägt und Schulobst noch in metallenen Spülen gewaschen wird. Ja, das könnte ich tun. Aber nein, dieser Grundschule werde ich mich jetzt nicht widmen. Vielleicht ein anderes Mal.

Jetzt, nach ca. 1.134 Wörtern, beende ich jedoch Teil 1 der Reise. Folgt mir in wenigen Tagen zu Teil 2, der hoffentlich näher darauf eingeht, warum ich im 21. Jahrhundert definitiv kein Schüler mehr sein wollte. Und der, so der Plan, harsche Kritik am „Bildung, mehr Bildung, noch mehr Bildung!“-System übt.

Was, zum Teufel, hat dann dieser Beitrag mit diesem ominösen Füllfederhalter-Problem zu tun, werden sich diejenigen unter euch fragen, die damals Musik-Frontalunterricht gewählt haben. Die Sängerinnern und Sänger haben die Überschrift bestimmt schon wieder vergessen. Die Antwort ist so einfach, dass man dafür keinen Abschluss eines Gymnasiums braucht: Eigentlich nichts. Dieser Text hier hat eigentlich so gut wie nichts mit der Überschrift zu tun. Ein kleiner Gruß aus der Autoren-Küche sozusagen.

Auf bald!

David

David

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