Die Vergangenheit ist ein Prolog

Die Vergangenheit ist ein Prolog

Ein ganz persönlicher Rückblick zum Jahresende

Am letzten Wochenende lehnte ich am Kühlschrank, nippte an meinem Kaffee und las mir unsere Familien-Notizen durch. Unsere Stichwortsammlung, die wir auf dem Whiteboard mit extra Whiteboardstiften notieren und bei Erledigung mit dem Whiteboardstifteentferner auslöschen. „Weihnachtsfeier Dadgirl1 18.12.19“, „Dadboy Anmeldung Schwimmkurs“, „Dadgirl2 U7-Arzttermin“, „Wer das liest ist doof“. Ganz normale Familien-Dinge also. Dazu das Herz, das ich, als pflichtbewusster Ehemann, meiner Frau vor dem letzten beruflich angeordneten Firmenausflug hinterlassen hatte. Als Zeichen ihrer Akzeptanz und Ausdruck ihrer Freude hat sie viele kleinere Herzen in das große rote hineingemalt. So einfach kann Zuneigung sein.

Mein Blick wanderte zu dem Kalender aus Holz, der mithilfe von zwei mit Zahlen beschrifteten Würfeln manuell so gedreht werden kann, dass immer das aktuelle Datum angezeigt wird. Diesem dekorativen Helferlein zufolge hatten wir den 28. November. Zeit also, um über einen neuen, automatischen Kalender nachzudenken. Ich würfelte flugs den 15. Dezember zusammen. Dabei wurde mir bewusst, dass in etwas mehr als zwei Wochen ein ganzes Jahrzehnt enden würde. Oder eher enden wird. Mir ist bis dato keine Weltuntergangstheorie bekannt, die Gegenteiliges behauptet.

Mit dem restlichen Kaffee, der noch für zwei- bis dreimaliges Nippen ausreichen sollte, schlenderte ich in Richtung Couch. Auf zu meinem rechtsseitig gelegenen Stammplatz, der einseitig eingerahmt von der Lehne und ausstaffiert mit reichlich Rückenkissen einfach herrlich gemütlich ist. Das Babyphone meldete mittels Bildübertragung, dass alles im grünen und damit schlafenden Bereich ist. Die beiden Großen überarbeiteten im Nachbarraum mithilfe der Amazon-App auf dem töchterlichen Smartphone ihren jeweiligen Weihnachts-Wunschzettel. Ich konnte mich folglich zurücklehnen und die Gedanken etwas kreisen lassen. 2020 steht also vor der Tür, kam mir wieder in den Sinn. Es klopft quasi schon. Zweitausendzwanzig. Das sind über 1000 Mark! Unglaublich. Ein neues Jahrzehnt. Vor 100 Jahren begannen die „Goldenen Zwanziger“. Deutschland im Aufschwung. Blütezeit und Wirtschaftswunder. Was ein Tohuwabohu. Ob sie 1920 auch schon so bequeme Sofas hatten?

Mit einem „Danke, dass du nur für dich Kaffee machst…“ riss mich meine Frau mit ihrer mimisch perfekt untermalten Beschwerde aus diesem kurzen tagträumerischen Gedankenspiel. Ich hielt ihr wortlos meine Tasse hin, bereit, den allerletzten Schluck nicht bloß zu teilen, sondern ihn von Herzen in Gänze an sie abzutreten. Ihr wunderschöner Mittelfinger signalisierte eindeutig die Ablehnung des einmaligen Angebots. Ihre Chance, dass ich den Luxusplatz mit ihr teile, schwand im Gegenzug wie ein Eiswürfel bei Plusgraden. Ich schaute ihr hinterher, während ich das irdische Dasein des letzten Kaffeeschlucks beendete. Sie grinste mich über das zermalmende Kaffeebohnen-Getöse des Vollautomaten hinweg an. Die Zeit und Findungsphase, die mir nun für eine passende Reaktion verblieb, dauerte gerade mal einen Fingerschnipp. Grinse ich einigermaßen ansprechend zurück? Zeige ich ihr meine Version des Mittelfingers? Bestelle ich bei ihr Kaffee Nummer 2? Ich entschied mich für das Gegrinse und drückte mit einer eindeutigen Handbewegung mein Wohlwollen aus, sie inklusive Kaffee auf meinem Schoß Willkommen zu heißen. Dieses Angebot hat sie noch nie ausgeschlagen. Und das nutze ich stets gnadenlos aus.

Sie und ich. Ich und sie. Jahrzehnte sind wir uns bekannt. Knapp sieben Jahre davon sind wir nun schon täglich Seite an Seite für dieselben Ziele unterwegs. Schieben uns durch alle Gezeiten – gegenseitiges In- und Auswendigkennen reinster Güte. Wir trafen uns auf dem Irrweg des Lebens, als ich orientierungslos an jener verwirrenden Kreuzung stand, zu der mich der erste Ehe-Versuch geführt hatte. Sie kannte den Ausweg. Glück gehabt!

Oder á la Grönemeyer: Ein Stück vom Himmel, dass es sie gibt.

„Kannst du auch nicht schlafen?“, fragte ich in die Stille um uns hinein und nahm ihrem drohenden Nickerchen an meiner Schulter damit jegliche Substanz. „Das ist einfach mein Lieblingsplatz“, nuschelte sie überraschend schlaftrunken und lächelte mich dabei mit geschlossenen Augen an. Ich küsste sie zustimmend auf die Stirn und erwischte dabei eine Haarsträhne, die sich prompt zu einem unangenehm großen Anteil in meinen Mund verirrte. Ihre Lockenpracht finde ich supertoll, nur eben nicht in oraler Umgebung. Ich prustete meine Frau an und dabei das Haarknäuel wiederum so effektvoll aus, dass selbst unsere Katze vom anderen Ende der Couch ehrfürchtig anerkennend nickte. „Haare verschluckt“, stammelte ich eher krächzend als deutlich zur Erklärung. In solchen Momenten ist natürlich nie eine Kamera anwesend, die diese Showeinlagen für die Nachwelt hätte festhalten können. Schade eigentlich. Ich hätte meine Spardose darauf verwettet, dass unsere kleine Sofa-Auszeit damit abrupt endet. Das leise, gleichmäßige Atmen meiner besseren Ehehälfte zeigte mir, wie falsch ich lag. Sie hatte sich trotz allem einfach schlummernd ausgeklinkt.

Alle Kiddies waren immer noch unauffällig ruhig. Eltern kennen die Tatsache, dass es zwei Arten von kindlicher Ruhe gibt. Diese eine real ungefährliche und dadurch eben unauffällige Ruhe. Dann die andere, greifbar explosive und massiv auffällige Stille. So auffällig, dass von der einen auf die anderen Sekunde die Katze brennt, Wände eingerissen und Wasser aus Gegenden geschossen kommt, wo vorher noch gar keine Gegend war. Unsere Geräuschkulisse war in jenem Moment jedenfalls von der unauffälligen Natur. Ideal, um auch meinen Augen eine kurze Pause zu gönnen. Meine Frau festhaltend, den Kopf im Nacken schloss ich sie genau zu diesem Zeitpunkt.

Ich sollte am Ende feststellen, dass mein Halbschlaf nur runde 200 Herzschläge angedauert hatte. In diesen bescheidenen drei Minuten schickte mich mein ruheloser Gedankenapparat auf eine rasante Vergangenheitsreise. Im Vorspulmodus flog ich unwillkürlich sortierte Stationen einstiger Zeiten und Augenblicke ab. Ähnlich wie Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte. Nur ohne diesen verrückten Geist der vergangenen Weihnacht.

Vom ersten Date mit meiner Ex-Verlobten hinüber zur Moonbuggy-Tour zu zweit auf Fuerteventura, wo Jahre zwischen liegen. Zurückdüsend ins Jahr 2013 und an oben genannte Kreuzung. Vorwärts zur örtlichen Burg, dem guten Essen, tollen Rosen, meinem Heiratsantrag und ihrem Ja. Im Rückwärtsgang an Hollands umwerfende Küste und dem Tag mit Windstärke 11. Marsch nach vorn zum Hochzeitstag mit Innigkeit, BBQ-Caterer und Bier. Flussaufwärts zur Geburt unserer gemeinsamen Tochter mitten in der Nacht und dem unendlichen Respekt vor dieser Leistung. Langsam abbremsend bei vielen Schnappschüssen von Dadgirl2, die ihr Wachstum im Zeitraffer-Stil zeigen. Die letzten 30 Herzklopfer bilden eine Zusammenstellung unzähliger Umarmungen bevor drei, zwei, eins … Augen auf. Blinzelnd versuchten die Pupillen das Vordergründige zu fokussieren. Ihre Locken waren noch da und demzufolge auch der Rest ihres Körpers. Ob sie mich schon länger so anschaute, wann sie genau aufgewacht war, weiß ich nicht. Ich hinterfragte es auch nicht. Wichtig war nur, dass sie immer noch da war. Und auch da bleiben wird.

Kann man Vertrauen zu einer Frau haben, die einen selber zum Mann nimmt? Interessante Frage, die ich zur Seite wischte und meinem Kopf mal kurze, unauffällige Stille verordnete. Die Vergangenheit ist eben wirklich ein Prolog. Eine Einleitung und ein Auftakt zu einem lebendigen Werk. Machen wir daraus eine glückliche Gegenwart und eine hervorragende Zukunft. Mit dieser Frau an meiner Seite wird mir das definitiv gelingen.

Oder, wie Herbert treffend singt: Ich trag‘ dich bei mir. Bis der Vorhang fällt.

David

David

Related Posts

Tag 2 – Lockdown NRW – 12.01.21

Dadman-Jahresrückblick

Dadman-Jahresrückblick

Herbstferien, Virus und Weltuntergang

Herbstferien, Virus und Weltuntergang

Ein paar Monate, ein Virus und eine Famile später.

Ein paar Monate, ein Virus und eine Famile später.