Der Schlaf ist doch die köstlichste Erfindung

Der Schlaf ist doch die köstlichste Erfindung

Der zweite Weihnachtsfeiertag stellt direkt zu Beginn viele andere Tage in den Schatten. Normalerweise ist es das Smartphone, das mich allmorgendlich aufweckt. Heute kann ich den Spieß tatsächlich umdrehen. Ich bin vor dem Ding wach. Ich wecke heute also das Telefon. Mein Zeigefinger tatscht auf das Touchdisplay und es erwacht in Millisekunden. So schnell bin ich nie wach. Den kleinen Sieg gönne ich dir, du Angeber.

07:02 Uhr zeigt mein elektronischer Wegbegleiter an.

Im Halbdunkeln wandern meine Augenbrauen verwundert nach oben. In der Vertikalen kommt mir diese Uhrzeit sehr bekannt vor. Meist bin ich hier auf dem Weg ins Büro und bei 07:02 radiotechnisch kurz vor Wetterbericht. Hier, horizontal, im Bett liegend, drückt diese Zahlenkombination nichts anderes als Rekord aus. Oder zumindest einen begründeten Verdacht für selbigen. Sieben Uhr und ich liege noch im Bett. Nur ein kontinentales Frühstück unter silberner Haube direkt an die Lagerstätte serviert könnte diesen Moment noch rekordverdächtiger machen. Normalerweise sehe ich immer eine 5 oder eine 6. Bei einem Kinder-Alptraum auch mal eine 2 oder 3. Wann habe ich das letzte Mal beim Aufwachen bewusst eine 7 vorne angestellt wahrgenommen? Darauf finde ich spontan keine Antwort.

Ich reibe mir die Augen, strecke die Arme durch, halte kurz inne und höre in die Dunkelheit hinein. Sind die beiden Großen eigentlich schon wach? Falls ja, wäre Winnetou schleichtechnisch sicher stolz auf die beiden gewesen. Ich zumindest habe nullkommanichts gehört. Bis auf das leise Atmen meiner Frau und das noch etwas leisere Schnaufen der Kleinen, ist es gerade mucksmäuschenstill. Meine Augen saugen Stück für Stück das Restlicht aus der Umgebung und formen aus dem tiefschwarzen Nichts schemenhafte Gestalten mit erster Kontur. Dass unsere Letztgeborene nicht in ihrem Bettchen liegt, ist mit das erste, was mein müder Geist realisiert. Unwahrscheinlich, dass sie schon unten ist, den Frühstückstisch gedeckt und die Kaffeemaschine hochgefahren hat. Deutlich wahrscheinlicher ist es, dass es sich bei der knapp ein Meter großen Erscheinung neben mir um unser Tochtertier handelt. Es sei denn, meine Gattin ist über Nacht auf die Hälfte ihrer Körpergröße geschrumpft (was mich generell nicht wundern würde, wenn man bedenkt, welch‘ tropische Temperatur ihre Seite des Wasserbett-Thermometers anzeigt). Nach und nach erkenne ich, dass der Mini-Mensch den Ersatzschnuller in der einen und die Locken meiner Frau in der anderen Hand hält. Die Schmelz-Theorie ist damit widerlegt. Die Nicht-Geschmolzene ist dem kleinen Energiebündel schlafend und auf die Seite gedreht zugewandt. Für sich genommen ein irrsinnig friedliches und schönes Bild. In engerem Sinne weiß ich jedoch mittlerweile, dass das im Regelfall eine unruhige Nacht gewesen sein muss.

Unruhige Nächte in Verbindung mit der Allerkleinsten haben einen konsequent gleichartigen Ablauf. Mit wiederholten und in der Lautstärke ansteigenden, fast weinerlich klingenden „Mama…“-Lauten startet der nächtliche Transportbefehl. Gefolgt von „Nunu“, was Schnuller und den herben Verlust des kindlichen Beruhigungsgeräts bedeutet. Zuletzt noch „Arm“, womit sie nicht „bedauernswert“ und damit meine arme, schlafdurstige Frau meint, sondern „Nimm mich auf den Arm“ ausdrücken will. Choreographisch blitzsauber, hängt sich die pflichtbewusste Mutter anschließend ins Kinderbettchen und hebt die Befehlsgeberin mit einem Ruck ins elterliche Bett. An sich ist das der schwerste Akt dieser nächtlichen Symphonie, da meine Frau mit knapp 1,68m nicht die Größte ist und das Kinderbett recht tief steht. Sie hängt sich quasi im Halbschlaf, im eigenen Bett kniend und mit dem Kopf voran über die hölzerne Brüstung in den Kleinkindkäfig. Der ein oder andere blaue Fleck im Rippenbereich und Muskelkater in diversen Körperregionen zeugen von dieser Anstrengung (ich wollte an dieser Stelle eigentlich von der geklemmten Brust berichten, meine Frau meinte aber, dass ich das lassen soll). „Wenn die Kleene bloß mal so gut schlafen würde wie mein Mann“, berichtet mein Herzblatt immer etwas frotzelnd, wenn das Thema (egal wo) auf den Tisch kommt. Diese Art der Frotzelei lasse ich sehr gern‘ und tatsächlich ohne Konter meinerseits über mich ergehen (wer mich kennt, weiß, dass ich verbale Gegenangriffe nur äußerst selten liegen lasse). Warum ich das tue? Ganz einfach. Ich zolle damit unserem stillen Abkommen Respekt, dass sie sich nachts federführend um den kleinen Flamingo kümmert. Wobei das noch zu schwach ausgedrückt ist. Vielmehr ziehe ich davor meinen Hut – voller Demut, Ehrfurcht, Verehrung und Huldigung. Und das ist mein voller Ernst. Insgesamt weiß sie trotzdem, dass sie sich auf mich verlassen kann – zu jeder Tageszeit. Im Gegenzug entführe ich Miss Schnuller am Wochenende nach unten und lasse Frauchen noch ein bis zwei Schlafstündchen vollkommen kinderlos zurück. Es dauert keine Minute, bis sie in dieser vollkommenen Freiheit wichtigen Schlaf nachholt.

Apropos. Eine internationale Langzeitstudie hat gezeigt, dass Eltern, die wenig schlafen, gereizter sind. Obendrein wirkt sich das letzten Endes negativ auf den Familienalltag aus. Wow – was für ein bahnbrechendes Ergebnis. Applaus, liebes Forschungsteam. Damit hätte bestimmt niemand gerechnet. Interessanter ist vielmehr die Tatsache, dass man nach der Geburt eines Kindes ca. sechs Jahre lang mit teils deutlichem Schlafentzug rechnen muss. Interessent ja, aber auch keine wirklich neue Nachricht. Innerlich beunruhigt mich in diesem Zusammenhang jedoch die Vorstellung, meiner besseren Hälfte zu begegnen, nachdem ihre letzten Jahre von Schlafstörung gezeichnet waren. Um euch das mal in einem Bild zu verdeutlichen: Wenn sich Bruce Banner aufregt, wird er zu Hulk. Wenn Hulk sechs Jahre nicht schläft und sich dann aufregt, wird er zu meiner Frau. Klar soweit? Ich stelle mir einen Schlafforscher in weißem Kittel, rahmenloser Brille, gräulichem Haar und Klemmbrett vor. Mit Bleistift im Anschlag sitzt er im Schlafzimmer und dokumentiert stenographisch einwandfrei die Geschehnisse der Nacht (wie viele aufgezeichnete Fälle eingeklemmter Brüste es wohl gibt?). „Ich, Prof. Dr. von Schlafhausen, komme aufgrund meiner jahrelangen Aufzeichnungen zu folgend…“ und wird mit unvollendetem Satz von einem weiblich wirkenden Hulk in der Luft zerfetzt. Stop! Aufwachen, David!

Ich muss nochmal eingeduckelt sein. Auf dem Stuhl in der Ecke sitzt niemand – was mich (leise) aufatmen lässt. Es wird das Beste sein, einfach aufzustehen, um per Knopfdruck den Koffeinhaushalt auf Vordermann zu bringen. Kaffee – du braunes Gold. Mit Bedacht bewege ich die Bettdecke Zentimeter für Zentimeter vom linken oberen Zipfel beginnend in Richtung Mitte des Bettes. Ich sehe ein Bein. Ich sehe das Knie des zweiten. Die Kleine wälzt sich. Anhalten. Nicht bewegen. Meine Atmung wird automatisch flacher. Jedes Mal aufs Neue durchlebe ich die aufbauschende Spannung dieser „ist es der grüne oder der rote Draht“-Situation. Durch das imaginäre In-Ear-Mikrofon gibt ein fiktiver Kommandant der Bombenentschärfungseinheit Anweisungen (meine innere Stimme ist wirklich sehr wandlungsfähig). “Langsam weiter, ganz langsam weiter“, lautet die Anweisung. Ich sehe nun mein zweites Bein. Ganz sachte platziere ich beide Füße zur Ausführung des aufrechten Ganges auf dem Boden. “Jetzt nicht übermütig werden, Soldat! Immer noch langsam, immer noch ganz langsam!“. Einen prüfenden Rechtsblick zum hoffentlich schlafenden Teil der Familie – keine Regung, alles still. Oberkörper aufgestellt, bereit zum Abdocken von meiner warmen, nicht tropischen Wasser-Schlafkoje. Die Uhr und der kleine Angeber werden von ihrem nächtlichen Lade-Parkplatz befreit, während ich noch auf der Bettkante sitze. Jetzt bin ich absprungbereit. Danke, lieber Kommandant für deinen Support. Von hier an komme ich alleine klar.

Mit leichtem Schwung stehe ich auf. Falls Winnetou wirklich in der Nähe ist und zuschaut, möchte ich mir auch seinen Stolz verdienen. Alle Karl May-Filme als Erfahrung im Gepäck, schleiche ich los. Das Stäbchenparkett wirkt wie ein mit dem Haus zusammenhängendes Nervensystem, das bei bloßer Berührung die Macht besitzt, ein Geräusch bis in die entlegensten Winkel zu senden. Ein Schritt nach dem anderen. Alle Nervenbahnen schweigen. Die Schlafzimmertür ist das letzte Hindernis auf dem Weg zum Flur. Wobei sie mit ihren frisch geölten Scharnieren keinen wirklichen Endgegner darstellt. Der echte Widersacher schläft im Zimmer nebenan und hört neben Dadgirl1 auch auf einen realen weiblichen Vornamen. Sollte sie mitbekommen, dass Papa den Aufstehvorgang eingeleitet und erfolgreich die Treppe nach unten erreicht hat, war all das Schleichen für die Katz. Ihre Fledermaus-Ohren empfangen Frequenzen im Ultraschallbereich. Eigentlich ist das für sich genommen letztlich sehr bemerkenswert. Genau so bemerkenswert wie die Kulisse verschiedenster Töne, die Dadgirl1 abspielen kann, während sie aufsteht. Ihr Bett, das eigentlich nicht quietscht und knarrt, quietscht und knarrt während sie sich erhebt. Stellt sie die Füße auf den Boden, ist das eine glatte 7 auf der Richterskala (was per Definition „Zerstörung über weite Gebiete“ bedeutet). In diesem Zusammenhang hatte ich im 1-Euro-Laden tatsächlich schon mal eine „Wild-Videokamera mit Nachtsicht“ in der Hand (ein Ding, das aussieht wie ein Vogelhäuschen im Bundeswehr-Dress). Irgendwo zwischen Playmobil-Reiterhof und dem mit allerhand Kleidung jeglichen Sauberkeitsgrades bepackten Stuhl versteckt, würde es sicher auflösen, wie sie mit den kleinen Füßen diesen großen Badabumm hinbekommt. Nach diesem Urknall bleibt nur zu hoffen, dass sie ihre eigene Statistik verbiegt und sich eben nicht noch zusätzlich geräuschvoll an irgendeiner Kante stößt. Und das Radio, lass bitte das vermaledeite Radio aus! Naja, eigentlich habe ich nichts gegen das Radiogerät an sich, nur gegen die gestern hochgeschraubte Lautstärke, die bei meiner Tochter heute schon wieder in Vergessenheit geraten ist. Wie auch immer. Meist schlafen nicht mehr viele, wenn der Tochter-Tsunami durch die oberste Etage geschossen ist. Über den Sohnemann gibt es hier praktisch nichts Vergleichbares zu berichten. Wir haben zusammen Winnetou 1–4 gesehen – daran wird es wohl liegen.

Die Tür von Dadboy und Dadgirl1 stehen einen winzigen spaltbreit offen. Das Duo ist demnach ohne Aufsehen zu erregen aus dem Nachtquartier entkommen. Ein bisschen Stolz bin ich an der Stelle schon. Weihnachten war bis dato nacht- und morgentechnisch ohne explosionsartige Vorkommnisse, sodass eigentlich jeder seine individuell abgestimmte Mütze voller Schlaf bekam. Not bad, Team Dadman. Am Ende des Flurs bemerke ich den leichten Lichtkegel, der unter der Badezimmertür hervorkriecht. Ich gehe durch den schwarzen Tunnel dem Licht entgegen und empfange leises, verwaschenes Geplapper. Weit sind sie also noch nicht gekommen. Ohne anzuklopfen öffne ich die Tür ratz-fatz. Genauso effizient leise wie ich das blitzartige Öffnen der Tür hinbekommen hatte, so ineffizient blöde war das Resultat. Dadboy war es nämlich, dem vor lauter Schreck der Klodeckel aus der Hand und damit ungebremst auf die sanitäre Keramik fiel. Ja, er hatte dabei nicht mal die Hose komplett hochgezogen, was die Darstellung zwar lustiger, aber nicht weniger leise gemacht hatte. Dadgirl1 sprang gefühlt drei Meter hoch und ließ ihren getöpferten Zahnputzbecher währenddessen ins Waschbecken fallen. Während er sich wie beim Roulette kreisend dem Abfluss näherte, hatte jemand die Pause-Taste gedrückt und uns alle in der jeweiligen Bewegung einfrieren lassen. So verharrten wir beinahe schon quälend lange fünf bis acht Sekunden. Erst das Gebrüll von Mini-Hulk aus dem Schlafzimmer erlöste uns aus unserer Schockstarre. Gedanklich erhielt ich ein Fax des Kommandanten, der mich mit sofortiger Wirkung aus der Einheit verbannte. Winnetou verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf. Hulk ballte die Fäuste. Nun gut, nicht mehr zu ändern, dachte ich und schaute auf die kleine Uhr im Badezimmer. Gut, dass der Schlaf jeden Abend erneut an die Türen klopft. Was für eine köstliche Erfindung.

David

Related Posts

Tag 2 – Lockdown NRW – 12.01.21

Dadman-Jahresrückblick

Dadman-Jahresrückblick

Herbstferien, Virus und Weltuntergang

Herbstferien, Virus und Weltuntergang

Ein paar Monate, ein Virus und eine Famile später.

Ein paar Monate, ein Virus und eine Famile später.