Wochen-Sammelsurium #6 / 2020

Wochen-Sammelsurium #6 / 2020

Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.

Oder: Warum ich das nur selten tue und Kino manchmal richtig toll finde.

Sonntag, 11:57 Uhr. Dadboy und ich stehen vor verschlossener Kinotür und frieren. Genau wie die eine Hand voll Menschen, die auch am Sonntagmittag nichts Besseres zu tun haben, als sich vor die überdimensionierte Flimmerkiste zu setzen. Durch die gläserne Tür wirkt die Popcorn-Maschine mit ihrem unaufhörlichen Gesprudel frisch geplatzter Maislinge hypnotisierend. „Nachos mit Käsesauce!“, wirft mein Sohnemann mir seine Wortfetzen belanglos hin. Im Kontext zu meinen eigenen Essens-Gedanken total passend, nur woher konnte er das wissen? Er guckt mich strahlend, irgendwie aber auch fordernd an. „Hm, sicher?“, entgegne ich und verschlucke das „Willst du nicht erstmal etwas richtiges Essen?“. An der Kinotheke ist weit und breit definitiv kein einziges Lebensmittel vorhanden, das auch nur entfernt nahrhaft ist. Unfassbar lecker, ja, aber nahrhaft – nein. Genau unser Ding also. Vor unserem Besuch habe ich den Verfügungsrahmen auf meiner Visa geprüft. Ob es nun Popcorn oder Nachos werden, ist gleichgültig. Sogar beides wäre ohne ein zusätzliches Beleihen der Hypothek möglich. Inklusive M&Ms zum Nachtisch.

12:04 Uhr. Die Tür ist immer noch verschlossen. Mit festem Blick fixiere ich die Glastür, auf der in roten Lettern unter Öffnungszeiten „Sonn- und Feiertage ab 12:00 Uhr“ steht. Ungewiss, ob ihr in solchen Dingen eher stoisch abwarten könnt oder innerlich angespannt seid aufgrund der Zeitüberschreitung. Mein innerer Monk meldete sich in jedem Fall. Mit knapp zehnminütiger Verspätung setzt sich Torben, der einfach so aussieht wie einer, langsamen Schrittes in Bewegung. Bewaffnet mit einem Schlüsselbund unmenschlichen Ausmaßes und der Lässigkeit eines Kino-Filialleiters. Zwei Meter vor der ersten Tür angekommen, wirft er einen prüfenden Blick zurück. Es kommt mir so vor, als galt dieser den beiden Angestellten, die wie ein Daniel und eine Sandra aussehen. Daniel zieht seine Augenbrauen leicht nach oben, guckt verstohlen zur Seite und wischt mit seiner Linken imaginäre Fusseln von der Theke. Wahrscheinlich bedeutete der Torben-Blick „Nicht vergessen, ihr Pfeifen, ich sehe alles!“ oder „Feierabend ist erst, wenn ich es sage!“. Sandra ist für das Popcorn und die Getränke zuständig. Zum wiederholten Male kontrolliert sie den akkuraten Sitz ihres Namensschilds und spiegelt sich dabei in der Edelstahlfassade ihres Wirkungsbereichs. Sie war mir auf Anhieb sympathisch.

„Zweimal ‚Die fantastische Reise des Dr. Dolittle‘, bitte. Ein Kind, ein Erwachsener“. Demokratisch entschieden wir uns für die vorletzte Reihe, wo direkt am Gang zwei gelbmarkierte Sitze auf dem Display vor uns angezeigt wurden. Dadboy, weil sie so schön weit oben und ich, weil sie so schön nah am Fluchtweg waren. Außerdem ist man herrlich schnell auf dem Gehweg, der einen beleuchtet wie eine Landebahn zum nächsten WC geleitet. Ultraspontane Pipi-Notfälle beim Nachwuchs sind uns allen ein Begriff, richtig? Daniel druckt die Karten. Mit einstudierten Handgriffen reißt er jeweils einen Kontroll-Schnipsel pro Karte ab bevor er sie aufgefächert in meine Richtung hält. Die Visa wird anstandslos akzeptiert.

Ein Kind kommt uns entgegen, das mindestens ein Viertel des eigenen Gewichts an Popcorn mit sich herumträgt. Das muss also die XXL-Packung sein. Die mit dem XXL Preis, für den manche Menschen Kleinwagen kaufen. Ich kann Dadboy, der schmachtend hinterherschaut, mit einem beherzten Ruck an seiner Kapuze davor bewahren, mit einem massiv bewaffneten Storm-Trooper zusammenzustoßen. Schon seit Monaten fristet der Papp-Kamerad mittlerweile sein Dasein an seinem angestammten Platz.

Wir bestellen Popcorn. Der Film beginnt. Den Virus mutmaßlich schon in den Knochen, schlafe ich einfach ein. Ende.

An dieser Stelle musste ich einfach aufhören, da mein Kopf zu zerplatzen drohte. Ich entschuldige mich aufrichtig für diese geistige Windstille, diesen unkreativen Nonsens und den miesesten Schluss aller Zeiten. Allgemein für diese ungemein bittere Pille.

Kommt gut durch den Sturm!

David


Vielleicht hilft das Facebook-Wochen-Sammelsurium auf der nächsten Seite etwas über den entstandenen Brechreiz und/oder die herbe Enttäuschung hinweg?
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David

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